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Die Natur des Hyperlink aus Techniker-Sicht

Hartmut Semken auf die Bitte, mal aus seiner Warte zu erklären, was ein Link ist:

(Dieser Beitrag wurde von Hartmut Semken für die Netzinitiative Freedom For Links verfasst und ist mit Zustimmung des Autors nunmehr hier veröffentlicht)

Am besten fängt man dabei an bei der klassischen Form des Link, wie sie in der Wissenschaft seit der Aufklärung üblich ist. Diese sieht ungefähr so aus:

"... das bringt uns wieder auf die Frage, warum berechnete und tatsächlich gemessenene Werte derartig stark voneinander abweichen. Müller schlägt dazu vor, eine regelungstechnische Simulation des Gesamtsystems durchzuführen und die Ergebnisse zur Modifikation des Modells einzusetzen [MÜL98, Seite 212ff]. Diese Methode erzeugt jedoch in der Regel nichtlineare Modelle, die sich dann einer geschlossenen Lösung entziehen [PEI89] oder im Arbeitspunkt linearisiert werden müssen [OTT92]. Die Linearisierung ist dabei immer mit der gebotenen Vorsicht zu betrachten, speziell wenn das zweite oder dritte Glied der Taylor-Reihe signifikante Koeffizienten aufweist (vergleiche [OTT93]). ..."

Dieser kurze (sinnlose!) Text enthält 4 Links, einer mit einer spezifischen Angabe (spezielle Seite in einer site), drei mehr allgemeine (Eingangsseiten von sites).

Die Verfolgung dieser Links ist gute wissenschaftliche Praxis in allen Natur- und Ingenieurswissenschaften, in den Geisteswissenschaften wohl auch: man geht in die Bibliothek, sucht das referenzierte Buch heraus und liest dieses.

Man nennt diese Dinger jedoch nicht Hyperlinks, sondern Querverweise oder Quellenangaben - aber ein Link ist nichts anderes.

Die Dynamik bietet Vorzüge

Tatsächlich ist der Link genau dafür erfunden worden: wissenschaftliche Arbeiten mit Querverweisen zu versehen, die man leicht verfolgen kann (ohne den Gang in die Bibliothek). Die dynamische Natur (das verwiesene Dokument kann sich seit Setzen des Verweises ändern!) war mit ihren Vorzügen dabei schnell erkannt: verweise ich als Forscher am CERN z.B. auf die Meßergebnisse eines Kollegen, dann kann ich durch den Link immer auf die aktuelle Arbeit des Kollegen verweisen - mithin also auf Veröffentlichungen zu Experimenten, die noch gar nicht abgeschlossen sind! Was für ein Zeitvorteil für die Publikation!

Links sind insofern nichts als Querverweise auf andere Veröffentlichungen (eigene, fremde). Nur, daß beim Link die ganze Arbeit des Bibliothekars (Signatur des Buches raussuchen, Buch im Magazin suchen, Magazinverwalter anschreien, warum die Bücher ständig an der falschen Stelle einsortiert sind, Buch endlich finden, Buch dem Kunden geben etc.) eben von einem Computer gemacht wird, die Arbeit des Menschen sich also darauf beschränkt, den Link anzuclicken.

In diesem Vorgang, den ein Computer ausführt, sehen einige Leute eine Vermittlung von Zugang zu dem verwiesenen Angebot, vermutlich deshalb, weil sie in dem Vorgang des Raussuchen eines Buches oder eine bestimmten Textstelle eines Buches aus dem Regal eine echt kreative und daher menschengerechte Tätigkeit ist, während ein Computer ja doof ist und nur mechanische Tätigkeiten ausführen kann. Ich will jetzt nicht den Vergleich Computer <-> Soldat oder Computer <-> Beamter strapazieren, aber es ist eben so, daß die Tätigkeit der Verfolgung eines Querverweises sehr mechanisch ist.

Ein Querverweis ist keine Zugangsvermittlung

Insofern könnte man also davon ausgehen, daß die wissenschaftliche Tradition des Querverweises eine Vermittlung von Zugang zu fremden wissenschaftlichen Arbeiten ist - das ist aber offenbar Blödsinn: den Zugang vermitteln Bibliothek, Verlag und Druckerei mehr als derjenige, der den Querverweis in seinem Buch veröffentlicht.

Bei einem Link sehe ich das keineswegs anders: der Link verweist auf eine Textstelle oder ein Bild, das irgendwo in dem Speicher liegt, den wir als WWW kennen.

Und so, wie wir Computern beigebracht haben, Texte mit Volltextindizes zu versehen, um ein Stichwort in einer großen Textmenge zu suchen (den Vorteil, ein Stichwort in vielen Gesetzen und Urteilen zu suchen - praktisch ohne eigene Arbeit und ohne Zeitaufwand - wissen gerade Juristen zu schätzen) so haben wir in Form des Hyperlinks der Maschine die Fähigkeit zur Verfolgung von Querverweisen verliehen.

Ich kann im Anlegen eines Link in keiner Weise eine Vermittlung von Zugang zu einer Publikation sehen. Der Link ist ein Querverweis, sonst gar nichts. Ich kann Gedanken nachvollziehen, bei denen (wie im Fall Best ./. Steinhöfel) eine Beziehung zwischen Angeboten im Web hergestellt wird, die auch in einem Link besteht. Dabei kann sich der Linkende in der Tat die Inhalte der verwiesenen Seite zu Eigen machen, sich z.B. einer geäußerten Meinung vorbehaltlos anschließen.

Der Link ist noch nicht der "rrrums"

Aber nicht der *Link* ist dieses "sich anschließen" oder "sich zu eigen machen", sondern die ganze Seite. Bei einem Verkehrsunfall (beim Einparken ein fremdes Auto touchiert) wird auch von einer Kollision zwischen Autos gesprochen - nicht von einer Berührung einer Stoßstange mit einem Kotfügel. Nicht die Stoßstange hat das fremde Auto beschädigt, sondern die Kollision zwischen beiden Autos.

Das Vermieten eines Autos ist keine Zugangsvermittlung zu einer Straße. Das Verleihen einer Karte ist keine Zugangsvermittlung zu einer Adresse. Ein Link ist keine Zugangsvermittlung.

Noch ein Argument, vielleicht das technischste und daher am leichtesten angreifbare: Ein Link ist keine conditio sine qua non (Bedingung, ohne die etwas nicht geht) für den Zugang zu einem bestimmten Angebot.

Ein Angebot im Web existiert für sich auch ohne den Hyperlink. Angebote im Web, auf die keinerlei Hyperlinks zeigen, sind denkbar - und sind nicht einmal ein exotisches Randphänomen, das in Praxis keine Rolle spielt. Sie sind selten, aber selten ist auch die Zahl 42 verglichen mit der Fülle aller verfügbaren natürlichen Zahlen (von den rationalen, irrationalen und komplexen ganz zu schweigen). Und obwohl sie keine überragende Bedeutung hat, ist die Zahl 42 dennoch keine exotische Randerscheinung.

Ein Angebot, das nicht gespeichert ist, existiert (praktisch) nicht. Ein Angebot ohne IP-Adresse existiert (praktisch) nicht. Ein Angebot, das Speicherplatz und IP-Adresse, aber keine Verbindung zum Internet hat, existiert (praktisch) nicht.

Dieses sind alles Grundvoraussetzungen und Bedingungen für ein Internet-Angebot (ein Web-Angebot ist eine spezielle Form des Internet-Angebotes) - sie sind conditio sine qua non.

Ein Link zeichnet die Lage eines Angebots auf

Hyperlinks sind das nicht - wie leicht einzusehen ist (s.o.). Daher kann der Hyperlink nicht "den Zugang zu einem Web-Angebot vermitteln", er kann viel weniger, nämlich nur die Lage eines Webangebotes im Speicher "Web" aufzeigen - allerdings auf die raffinierte Weise, die es ermöglicht, ohne Eintippen einer Adresse oder Wählen einer Nummer schnell zu dem Angebot zu gelangen.

Eine (sagen wir fest programmierte) Kurzwahltaste ist auch keine Zugangsvermittlung zur Hotline des Telefonherstellers, sondern die Vermittlung erfolgt durch die Vermittlungsstelle der Deutschen Telekom und andere technische Einrichtungen.

Hartmut Semken

 

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